Oostvaardersplassen

Oostvaardersplassen am nordwestlichen Rand der Provinz Flevoland ist ein Naturentwicklungsgebiet. Die deutsche Entsprechung zu dieser in den Niederlanden verwendeten Bezeichnung ist Wildnisentwicklungsgebiet. Beide Begriffe bezeichnen Gebiete, die bewusst wieder in einen naturnahen oder natürlichen Zustand zurückversetzt werden sollen. Wenn man bedenkt, dass Flevoland gerade etwas älter als 100 Jahre ist und durch eine Trockenlegung der Zuiderzee (nur max. 5 m tiefe Meeresbucht der Nordsee im Nordwesten der Niederlande) entstand, hat sich in dieser Zeit dort einiges entwickelt. Das 5600 ha große Gebiet Oostvaardersplassen wurde 1986 durch die Niederlande zum Staatsnatuurmonument erklärt und 1989 zum international bedeutsamen Feuchtgebiet nach der Ramsar- Konvention.

Informationszentrum Oostvaardersplassen

Informationszentrum Oostvaardersplassen

Der Besucher des Gebiets mag zuerst etwas irritiert sein, denn absterbende Bäume und kahle Flächen versteht so mancher nicht als Naturschutzgebiet. Jedoch geht dies auf die Verteilung der relativ jungen Biotope zurück: Zwei Drittel sind Feuchtgebiete, die Wat- und Wasservögeln ein Zuhause geben. Auf dem verbleibenden Drittel haben sich ca. 250 Pflanzenarten verbreitet und ca. 4000 Tiere, darunter über 1000 Pferde, grasen dort auf den Grünflächen. Neunzig der 250 beobachteten Vogelarten brüten in Oostvaardersplassen und fünfundzwanzig davon sind für den internationalen Artenschutz von Bedeutung.

Beobachtungshütte Zilverreiger

Kritik an diesem Naturprojekt gab es nach wenigen Jahren, da sich die Bestände der Tiere extrem entwickelt hatten und es kaum natürliche Feinde gibt. Neben z.B. dem Totengräberkäfer, dem Fuchs und dem Seeadler gibt es nur wenige andere Tiere, die tote Wildtiere „verwerten“, so dass man hier und dort wahrscheinlich auf Kadaver stoßen kann. Seit ungefähr 2010 hat man dann zugefüttert und auf diesem Wege versucht, das Sterben der Wildtiere zu begrenzen. Doch gerade dadurch wird die Größe der Herden noch stärker wachsen – das eigentliche „Problem“ jedoch, nämlich unsere Vorstellungen, wie Natur auszusehen habe – wird auf diese Weise sicherlich nicht gelöst.

Beobachtungshütte Harderbroek

Die Gegner des Projekts Oostvaardersplaasen finden Unterstützung in der Bevölkerung, da durch einige negative Artikel in der Presse ihr Bild von der Natur gestört wurde. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Bambi-Syndrom“, einer Einstellung zur Natur, bei der diese moralisiert und infantilisiert wird. Wir haben unser Bild von der Natur, wie sie ursprünglich war, an unsere Bedürfnisse angepasst, und so zeigt sich auch zum Beispiel in der Naturfotografie ein Trend zu einer sauberen, geordneten Darstellung.

Oostvaardersplassen ist für mich ein überaus interessantes und beispielhaftes Projekt, das ich mir auch in bestimmten Gebieten in Deutschland vorstellen könnte. Mich begeistert die Natur der Niederlande seit Jahren. Millingerwaard, De Groote Peel, Makkum, De Maasduinen, Ameide und Oostvaardersplassen sind alles Gebiete, mit denen ich wunderbare Erlebnisse verbinde. Unzählige meiner Naturaufnahmen entstanden dort, und zum Teil erste Sichtungen einer bestimmten Vogel- oder Pflanzenart. Der Umgang und die Einstellung zur Natur scheinen in unserem Nachbarland anders zu sein als in Deutschland. So hat mir ein niederländischer Naturwart einmal erklärt, dass man den Besuchern in den Gebieten durchaus sehr viele Freiheiten lässt, einfach weil man die Erfahrung gemacht hat, dass Verbote kaum notwendig sind, weil die Leute sich rücksichtsvoll und umsichtig verhalten! Aufgrund der vielen negativen Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre in dieser Hinsicht machen musste, vermute ich stark, dass sich ein solcher Ansatz leider nicht überall praktizieren lässt,  etwa im Ruhrgebiet oder in Gebieten nahe einer Großstadt.

Ijsselmeer bei Biddinghuizen

Bei meinem Besuch in Oostvaardersplaasen und Umgebung habe ich neun Vogelbeobachtungshütten, sechs verschiedene Gebiete und drei Informationscenter besucht. Die Hütten waren alle sauber und in einem Topzustand, die Gebiete waren alle gut beschildert und sehr interessant und die Informationscenter boten dem Besucher schon ausreichend Material, ohne einen Mitarbeiter der Station befragen zu müssen. Trotzdem lohnt es sich, im Infocenter Oostvaardersplassen mal mit einem der Natur-Ranger zu sprechen, denn sie kennen das Gebiet und können spezielle Fragen sehr gut beantworten.

Besonders interessant waren die beiden Hütten „Zilverreiger“ und „De Grauwe Gans“ im nordöstlichen Gebiet von Oostvaardersplassen, die Anhöhe „Jan van de Boschheuvel“ bei Almere, die Hütten um das Gebiet Lepelaarplassen und die Hütten im Süden von Flevoland bei Harderbos und Harderbroek.

Ich konnte Rinder, Wildpferde, Rehe und Biber beobachten, viele interessante Insekten und Pflanzen sehen und unzählige Vögel beobachten und fotografieren. Unter anderem habe ich die folgenden Vögel fotografiert oder häufig beobachtet: Fasan, Rebhuhn, Kuckuck, Blaukehlchen, Rotkehlchen, Star, Mönchsgrasmücke, Klappergrasmücke, Dorngrasmücke, Schilfrohrsänger, Rohrschwirl, Zilpzalp, Schafstelze, Bachstelze, Zaunkönig, Heckenbraunelle, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz, Amsel, Singdrossel, Feldsperling, Blaumeise, Kohlmeise, Schwanzmeise, Bartmeise, Kleiber, Grünfink, Distelfink, Rohrammer, Schafstelze, Feldlerche, Kolkrabe, Saatkrähe, Dohle, Elster, Eichelhäher, Buntspecht, Grünspecht, Mäusebussard, Turmfalke, Rohrweihe, Kornweihe,  Fischadler, Seeadler, Haubentaucher, Zwergtaucher, Kormoran, Reiherente, Tafelente, Stockente, Löffelente, Brandgans, Nilgans, Graugans, Höckerschwan, Blässhuhn, Teichhuhn, Weißstorch, Silberreiher, Graureiher, Löffler, Rotschenkel, Kiebitz, Lachmöwe, Silbermöwe, Heringsmöwe, Flussseeschwalbe, Rauchschwalbe und Eisvogel.

Infotafel beim Buitencentrum Oostvaardersplassen

Oostvaardersplassen hat mich nicht nur durch die Größe des Gebietes oder der Herden beeindruckt. Nein, Oostvaarderplaasen zeigt uns eine Natur, die wir nicht mehr „in unserem Kopf“ haben. Wir müssen uns an dieses Bild erst wieder gewöhnen und vor allem dem Projekt mehr Zeit geben!

Meine Fotos von Oostvaardersplassen und Umgebung: Galerie Oostvaardersplassen

Ein zweiter Bericht über Oostvaardersplassen.

 

 

Interessante Links:

Tipp zur Einkehr im Süden von Flevoland

Tipp zum Frühstück im Westen von Oostvaardersplassen

Hauptinfozentrum Oostvaardersplassen

Info über Oostvaardersplassen

Naturgebiete Flevoland 

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