Gedanken zum Verhalten in der Natur

Ich beobachte es immer wieder: Der kleine Schritt über die Abgrenzung markierter Wege hinaus wird anscheinend als nicht so schlimm angesehen. Doch nach diesem ersten Schritt sinkt die Hemmschwelle, weiter und weiter zu gehen, immer mehr. Gerade beim Fotografieren von Insekten wird so versucht, das “Motiv” in eine möglichst optimale Position zu bringen. Dabei wird dann eines gern vergessen: Die Lebensräume der Insekten und Kleintiere sind gerade da wo, wir herumtrampeln! So ist ein vorsichtiges Bewegen im Gelände schon vonnöten, um nicht gerade einer schlüpfenden Libelle oder anderen Kleintieren ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Natürlich kommt man in Versuchung, wenn man ein Gelände sieht, das “sowieso” schon zertrampelt ist. Aber man sollte sich überlegen, wie man in der Öffentlichkeit z.B. auf Kinder oder “Unwissende” wirkt, und lieber mit gutem Beispiel voran gehen.

Auch der Abstand zu Nestern sollte immer gewahrt bleiben, denn die Brut der Vögel wird schon durch genügend andere Dinge gestört: Drachenflieger, Hunde oder spielende Kinder, denen man nicht erklärt hat, was sie in einem Naturschutzgebiet tun dürfen und was nicht. Aufklärung ist hier immer der richtige Weg, denn Kinder sind oft verständnisvoller als so mancher Erwachsene. Und den Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner munter im Unterholz nach Gelegen stöbern lässt – denn man will ja Bellos Freiheitsdrang nicht einschränken – sollte man freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass in einem Naturschutzgebiet Rücksichtnahme nicht nur für die zweibeinigen Besucher angesagt ist! Also: Nester sind tabu, so sehe ich es!

Mit einem Fernglas, oder noch besser einem Spektiv, aus sicherer Entfernung zu beobachten, ist in jeder Hinsicht empfehlenswert. Ob es nun Rehe, Vögel oder andere Tiere sind – eine längere Beobachtung der Tiere ermöglicht im Endeffekt ein besseres Foto. Man lernt das Verhalten der Tiere besser kennen, erkennt ihre Lieblingsplätze, und die Tiere gewöhnen sich mit der Zeit an den Beobachter.

Wie es aber in der Natur so ist: Man braucht Geduld und Ruhe! Ein kleiner Klapphocker sollte also im Gepäck sein, und auch etwas heißer Tee oder ein anderes Getränk. Ein Notizheft ist in jedem Fall wichtig, denn so kann man sich verschiedene Plätze, Tiere und Verhaltensweisen merken.

Gerade in der Zeit von Oktober bis Ende März, wenn die Zugvögel unterwegs sind, habe ich bei Wildgänsen (Blässgänse, Nonnengänse, usw.) beobachtet, dass sie ihr Verhalten über einen bestimmten Zeitraum verändern. Waren sie am Anfang noch sehr scheu und gingen ihre Hälse schon bei einer Fluchtdistanz von 50 m in die Luft, (erstes Warnzeichen, wenn eine Gans den Kopf hebt, wenn mehrere es tun, sollte man nicht näher an die Tiere heran gehen) so verkleinerte sich dieser Abstand im Laufe ihrer Anwesenheit in unserem Gebiet immer mehr!

Auch das erfolgreiche Annähern an Singvögel hat anscheinend etwas mit unserem Verhalten zu tun. Ein guter Bekannter (Gerd Rossen) erzählte mir, dass er die Vögel nicht lange ansieht, sondern nur kurz beobachtet, wenn er sich ihnen nähert. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass der direkte Blickkontakt von den Tieren als bedrohlich angesehen wird. Also lieber in Ruhe an den Vogel heran. Nicht direkt auf ihn zu, sondern besser auf kleinen Umwegen, und nicht ständig beobachten. Dabei vielleicht auch ein wenig gebückt fortbewegen, um auf das Tier nicht zu gewaltig zu wirken.

Bei Wasservögeln, speziell Tauchvögeln, kann man auch um einiges näher herankommen, wenn man sich während ihrer Tauchphase an sie heranpirscht. Doch dabei genau wie bei den Singvögeln immer sachte und etwas gebückt bewegen, sonst hat man nachher nur ein Bild von einem verschreckten Tier!

Auch das Spurenlesen ist von großer Bedeutung: Federn, Gewölle, Fraß und Fußspuren geben Aufschluss über die Tiere, die sich in einem bestimmten Gebiet aufhalten oder aufgehalten haben. Daher ist neben einem guten Bestimmungsbuch auch ein Buch über die Spuren der Tiere sehr hilfreich. In Bezug auf unsere gefiederten Freunde kann ich “Federn, Spuren und Zeichen” von Brown/Ferguson/Lawrence/Lees empfehlen (ISBN: 3-89104-666-9).

Wenn man all diese Erfahrungen erst einmal gemacht hat, kann man irgendwann ein Tarnzelt benutzen. Denn nun kennt man die Stellen, an denen sich der Aufbau lohnt. Wer es einmal ohne vorherige Vorbereitung aufs Geratewohl ausprobiert hat, wird schnell den Vergleich mit der Stecknadel im Heuhaufen verstehen!

Zum Thema Tarnzelt-Aufbau hatte ich ja schon im Forum etwas durch den Naturfotografen Hans Glader erfahren und dann niedergeschrieben. Für alle, die es noch nicht mitverfolgt hatten, hier noch einmal das Wichtigste in Kürze.

Herr Glader sagte mir, man solle grundsätzlich das Einverständnis des Eigentümers der Flächen einholen, auf denen man sein Tarnzelt aufbauen möchte. In Naturschutzgebieten ist es grundsätzlich untersagt. Im Wald würde er unbedingt empfehlen, sich mit dem jeweiligen Jagdpächter in Verbindung zu setzen.

Ganz allgemein sollte es beim Fotografieren selbstverständlich sein, Rücksicht auf die Natur zu nehmen. In Naturschutzgebieten sollte man in keinem Fall die Wege verlassen, und “unwissende” Besucher könnte man vielleicht auch freundlich auf die “Spielregeln” hinweisen. Denn wer seinen Hund ohne Leine laufen lässt oder geschützte Flächen betritt, handelt nicht nur unachtsam gegenüber der Natur, sondern letztlich auch gegen sich selbst: Die Gemeinden belegen solche Übertretungen mit teilweise empfindlich hohen Geldstrafen! Außerhalb dieser Gebiete sollte man natürlich genauso sorgsam mit der Natur umgehen, also keine Äste oder Pflanzen abreißen, um ein besseres Foto zu bekommen.

Ich würde mich freuen, wenn sich alle Naturfotografen an diese Regeln hielten, denn so haben wir noch lange unsere Freude an guten Motiven!

Mit diesen Erfahrungen kann man dann, wie Pölking es in einem seiner Bücher schrieb, vor dem Tier da sein, die Natur schützen und ein gutes Ergebnis auf die Platte bannen!